Das Kind, das Monster nur spielte
In Süderstade spielte die junge Sally Weißsträhne mit Renault Mograine und anderen Kindern. Sie jagten eingebildete Monster und reinigten ihre kleine Welt von Feinden, die nach einem Sieg wieder aufstanden und Freunde blieben. Später gehörten mehrere dieser Kinder dem Scharlachroten Kreuzzug an. Das harmlose Spiel erhielt dadurch im Rückblick eine Traurigkeit, als hätte ihre Kindheit bereits die Rollen verteilt, ohne den Preis zu kennen.
Während Lordaerons Untergang traf Sallys Familie die Seuche des Untodes. Eltern und Geschwister starben und erhoben sich als willenlose Diener der Geißel. Sally musste sie selbst töten. Sie überlebte, aber in ihr verbanden sich Trauer, Schuld und Abscheu zu einer einzigen Gewissheit: Alles Untote musste vernichtet werden. Diese Überzeugung ersparte ihr die schwierigere Frage, ob das Gesicht eines geliebten Menschen nach der Erhebung noch irgendetwas bedeuten konnte.
Glaube als scharfes Urteil
Sally wurde Priesterin und Inquisitorin des Scharlachroten Kreuzzugs. Das Licht antwortete auf ihren Ruf, obwohl ihr Orden Folter, Verfolgung und Mord betrieb. Für sie bestätigte diese Macht die Reinheit ihres Weges. Doch das Licht misst nicht automatisch jede Absicht seines Trägers und verweigert sich nicht jedem Fanatiker. Sally verwechselte die Fähigkeit, heilige Magie zu wirken, mit einem Urteil, das all ihre Entscheidungen heilig sprach.
Im Kloster stand sie an Renault Mograines Seite. Der Kreuzzug erklärte nicht nur die Geißel und die Verlassenen zu Feinden, sondern verdächtigte zunehmend jeden Außenstehenden der Infektion. In Sallys Inquisition wurde Vorsicht zu einem System, das keinen Freispruch brauchte. Wer angeklagt war, bewies durch Widerspruch nur, wie geschickt die Verderbnis sich verberge. So machte die Angst vor einer Seuche aus Überlebenden eine Gemeinschaft, in der Mitgefühl selbst als Schwäche galt.
Die Kathedrale und ihr Champion
In der Kreuzfahrerkapelle stand Renault Mograine zunächst allein vor dem Altar. Der junge Kommandant war nicht nur Sallys militärischer Partner. Beide hatten schon als Kinder in Süderstade gespielt, sie seien Inquisitorin und Champion. Nun trug Renault den Rang, den Balnazzar ihm für den Mord an seinem Vater versprochen hatte, und Sally sprach das Urteil über jeden, der ihre Kathedrale betrat. Als Renault fiel, kam sie aus dem Raum hinter dem Altar hervor. Sein erster Tod war für sie kein Ende, sondern der Augenblick, in dem sie selbst den Kampf übernahm.
Sobald Sally bedrängt wurde, legte sie alle Gegner in tiefen Schlaf. In dieser erzwungenen Stille kniete sie bei Renault und rief ihn mit dem Licht zurück. Der wiedererweckte Kommandant antwortete, er stehe an ihrer Seite, und heilte seinerseits die Inquisitorin. Beide erhoben sich mit erneuerter Kraft. Die Szene machte ihre Bindung ebenso sichtbar wie ihren Fanatismus: Sally vertraute Renault sogar jenseits seines ersten Todes, während beide jedem Außenstehenden Menschlichkeit und Zweifel absprachen.
Dass das Licht dieses Wunder zuließ, bestätigte nicht die Reinheit des Scharlachroten Kreuzzugs. Sally beherrschte heilige Magie mit außergewöhnlicher Kraft, doch Macht war kein Freispruch für Folter, Verfolgung oder Renaults Vatermord. Die Kathedrale zeigte den Widerspruch in seiner schärfsten Form. Zwei aufrichtig verbundene Menschen konnten einander retten und zugleich eine Ordnung verteidigen, die Mitgefühl außerhalb ihrer eigenen Reihen als Verrat behandelte.
Die Inquisitorin, die den Tod zurückwies
Sally beherrschte Wiederbelebungsmagie in außergewöhnlichem Maß. Im Kampf konnte sie gefallene Verbündete zurückrufen und selbst wiederkehren. Diese Gabe passte auf grausame Weise zu einer Frau, deren gesamtes Leben vom falschen Wiederaufstehen ihrer Familie bestimmt war. Sie unterschied streng zwischen der Rückkehr durch das Licht und der Erhebung durch Nekromantie, doch beide machten den Tod zu einer Grenze, über die ihr Wille bestimmen wollte.
Mehrere Angriffe überstand sie und führte später mit Kommandant Durand die verbliebenen Kräfte des Klosters. Lilian Voss und Verbündete fanden schließlich die Klingen der Gesalbten, mit denen Sallys Wiederkehr verhindert werden konnte. Nach der Niederlage wurden die Waffen in ihren Körper gestoßen. Die Hohe Inquisitorin, die so viele andere endgültig aus der Welt tilgen wollte, brauchte selbst ein besonderes Ritual, damit der Tod sie behielt.
Als Untote in Acherus
Während der Legionsinvasion suchten die Ritter der Schwarzen Klinge mächtige Tote für neue Vier Reiter. Thassarian und der Todesfürst drangen in das Scharlachrote Kloster ein und erhoben Sally. Ausgerechnet die Frau, die den Untod als unverzeihliche Verunreinigung betrachtet hatte, öffnete die Augen als Todesritterin. Die Auferstehung soll ihren Wahnsinn gelöst haben, während ihre Entschlossenheit bestehen blieb.
Diese Veränderung ist keine einfache Strafe nach dem Muster ihrer eigenen Lehre. Als Reiterin wurde Sally ebenfalls ohne Zustimmung zu einem militärischen Zweck zurückgebracht. Die Schwarze Klinge benutzte an ihr jene Macht, gegen die sie ihr Leben gerichtet hatte. Dennoch erhielt sie nun eine Erfahrung, die ihr Fanatismus zuvor ausgeschlossen hatte: Untod vernichtet nicht zwangsläufig Vernunft, Willen oder die Möglichkeit, gegen ein größeres Übel zu kämpfen.
Die Reiterin nach dem Kreuzzug
Sally kämpfte mit den Vier Reitern gegen die Legion und folgte ihnen später in weitere Konflikte. Beim Angriff auf die Kapelle des Hoffnungsvollen Lichts sah sie, wie das Licht Darion Mograines Körper verbrannte und selbst Todesritter zurückschlug. Die heilige Macht blieb stark, doch sie gehörte nicht mehr zu einer Erzählung, in der Sally allein Reinheit verkörperte. Sie stand nun auf der Seite, die ihr früher als Beweis des Bösen gegolten hätte.
Ihr weiterer innerer Weg wird nur teilweise erzählt. Darum wäre es falsch, ihr nachträglich vollständige Reue oder Versöhnung zuzuschreiben. Sicher ist, dass ihre Existenz als Reiterin das Urteil der Inquisitorin widerlegt. Sallys Kindheitstrauma erklärt, warum sie den Untod fürchtete; es entschuldigt nicht die Opfer, die sie folterte und tötete. Ihre zweite Existenz gibt ihr keine saubere Erlösung. Sie gibt ihr die schwere Möglichkeit, als das weiterzuleben, was sie hasste, und dadurch vielleicht endlich zwischen einem Zustand und den Entscheidungen einer Person zu unterscheiden.