Unter dem weißen Mond
Lange vor der Teilung der Welt blickten die Dunkeltrolle des Hyjal zum Mond empor und nannten die dort empfundene Gegenwart Elune. Aus diesem Glauben wuchs unter den frühen Nachtelfen die Schwesternschaft der Elune. Haidene gilt als ihre erste Hohepriesterin. Das Amt entstand nicht in einem Palast und nicht aus einer königlichen Erbfolge, sondern aus der Aufgabe, einer Gemeinschaft Sprache für Ehrfurcht, Trauer und Hoffnung zu geben.
Priesterinnen lernten Gebete und Heilkunst, doch ihr Weg endete nicht am Altar. Sie bewahrten Geschichte, schlichteten Streit, unterrichteten Jüngere und übten den Kampf. Mondlicht konnte Wunden schließen und Feinde treffen. In einer Kultur, die Elune als Mutter und Beschützerin verstand, war zwischen geistlichem Dienst und öffentlicher Verantwortung keine feste Mauer gezogen.
Die Tempel von Zin-Azshari
Auch unter Azsharas Herrschaft blieb die Schwesternschaft eine eigene Autorität. Während die Hochgeborenen den Brunnen der Ewigkeit erforschten und am Hof um Nähe zur Königin rangen, hielten die Priesterinnen an einer Macht fest, die keinem Monarchen gehörte. Ihr Tempel in Zin-Azshari war Heiligtum, Schule und Zuflucht. Die Novizin Tyrande Wisperwind lernte dort unter Hohepriesterin Dejahna.
Als die Brennende Legion durch Azsharas Portal kam, bewährte sich dieser Dienst nicht in stiller Abgeschiedenheit. Die Schwestern zogen in den Krieg, sangen Schlachthymnen und versorgten Verwundete. Dejahna fiel und bestimmte Tyrande zu ihrer Nachfolgerin. Maiev Schattensang, älter und erfahrener, empfand die Wahl als Zurücksetzung, gehorchte aber. Schon in diesem Augenblick trug das neue Amt neben Glauben auch den Keim persönlicher und politischer Spannungen.
Nach der Teilung
Die Große Teilung verschlang Städte, Tempel und den Mittelpunkt der alten Welt. Die Schwesternschaft überdauerte, weil ihr Glaube nicht an ein einziges Gebäude gebunden war. Tyrande führte die Überlebenden nach Hyjal. Als viele Druiden in den Smaragdgrünen Traum gingen, blieben Priesterinnen in der wachen Welt und trugen Verantwortung für ein Volk, dessen Wälder nie ohne Bedrohung waren.
Aus den kämpfenden Traditionen der Schwesternschaft gingen die Schildwachen hervor. Über Jahrtausende lagen religiöse, militärische und gesellschaftliche Führung deshalb eng beieinander. Das machte die Priesterinnen nicht zu unfehlbaren Herrscherinnen. Es bedeutete, dass ihre Entscheidungen zugleich als Schutz, Gesetz und Auslegung des göttlichen Willens wahrgenommen wurden. Jeder Irrtum konnte dadurch weiter reichen als der Fehler einer einzelnen Person.
Eine alte Ordnung öffnet sich
Nach dem Dritten Krieg verlor die nachtelfische Gesellschaft ihre frühere Abgeschlossenheit. Männer wurden in die Schwesternschaft aufgenommen, Frauen konnten ohne die alten Grenzen den druidischen Weg gehen. Die Veränderung löschte die weiblich geprägte Geschichte des Ordens nicht. Sie erkannte an, dass eine Aufgabe nicht schwächer wird, wenn mehr Berufene sie tragen dürfen.
Priesterinnen begleiteten die Nachtelfen in neue Bündnisse und Kriege. Sie standen in Tempeln, Außenposten und auf Schlachtfeldern, heilten Verbündete anderer Völker und mussten zugleich mit Zweifeln im eigenen Glauben leben. Elunes Nähe wurde oft als Trost erfahren, aber nie als leicht lesbare Antwort. Je größer die Katastrophe, desto schmerzlicher wurde die Frage, weshalb eine göttliche Mutter das Leiden ihrer Kinder nicht einfach beendete.
Die letzte Elegie von Darnassus
Beim Brand von Teldrassil blieben Priesterinnen in der sterbenden Stadt, um Verwundete zu heilen und Fluchtwege offen zu halten. Astarii Sternensucher sang im Tempel des Mondes eine letzte Elegie, während das Feuer näherkam. Ihre Stimme versprach keine wundersame Rettung. Sie gab den Eingeschlossenen einen gemeinsamen Klang, als Rauch und Panik selbst die Namen der Anwesenden auseinanderzureißen drohten.
Tyrandes Annahme der Nachtkriegerin entsprang aus dieser Wunde, doch die Schwesternschaft ist größer als die Geschichte ihrer Hohepriesterin. Sie lebt in denjenigen weiter, die bestatten, heilen, lehren und notfalls kämpfen. Priesterinnen Elunes erzählen nicht von einem Glauben, der jedes Unglück erklärt. Sie erzählen von einer Gemeinschaft, die unter demselben Mond durch mehrere Weltuntergänge gegangen ist und dennoch dafür sorgt, dass Trauer nicht die letzte Sprache ihres Volkes bleibt.