Die Herrin im höchsten Geäst
G'Hanir war der erste große Baum, den Freya im Smaragdgrünen Traum formte. Seine Früchte trugen die Samen zahlloser Bäume, seine Äste boten Heilung und Ruhe. Aviana wurde von diesem Ort angezogen und verband ihre Macht immer tiefer mit ihm. Unter ihrer Obhut träumten geflügelte Wesen davon, nach dem Tod zwischen den Zweigen des Mutterbaums weiterzufliegen.
Aviana ist nicht nur eine sanfte Hüterin kleiner Vögel. In ihr leben Anmut und die Härte eines Raubvogels zusammen. Sie kann als gewaltiger Falke oder in einer menschenähnlichen Gestalt erscheinen, ohne das Wesen der Lüfte abzulegen. Druiden der Kralle verehren sie, und durch ihr Idol schenkte sie Druiden die Flugform. Fliegen bedeutet in ihrem Verständnis Freiheit, aber nie Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Land, über dem ein Schatten zieht.
Augen über dem Krieg der Ahnen
Als die Legion im Krieg der Ahnen nach Azeroth kam, wurden Avianas Kinder zu ihren Augen und Boten. Aus der Höhe konnte sie Bewegungen erkennen, die ein Heer am Boden erst bemerkte, wenn der Angriff bereits begann. Sie selbst stürzte sich in die Schlacht und tötete Dämonen mit der Wildheit eines Wesens, dessen ganzer Himmel bedroht war.
Schließlich fiel Aviana unter den Angriffen der Legion. Mit ihr welkte G'Hanir und verlor seine Blätter, denn Göttin und Baum waren nicht bloß Nachbarn gewesen. Ihr gemeinsamer Tod zeigte, dass auch ein Zufluchtsort im Traum von den Wunden der sterblichen Welt abhängt. Für die geflügelten Seelen blieb die Erinnerung an Äste, die einst jeden Flug aufgenommen hatten.
Zehntausend Jahre bis zur Rückkehr
Avianas Geist ruhte lange im Smaragdgrünen Traum. Als Ragnaros während des Kataklysmus den Hyjal bedrohte, kehrte sie mit anderen Wildgöttern zurück. Der Berg war mehr als ein strategischer Punkt. Nordrassil und die Verbindung zum Traum machten ihn zu einem Ort, an dem das Leben Azeroths gegen Feuer und Verderbnis stand.
Aviana sammelte ihre Kinder und kämpfte erneut, diesmal mit dem Wissen eines bereits erlittenen Todes. Nach der Rettung Hyjals wandte sie sich G'Hanir zu. Sie wollte den Mutterbaum nicht als Denkmal für die verlorene Vergangenheit stehen lassen, sondern als lebendigen Zufluchtsort erneuern. Wiedergeburt erhielt dadurch einen Zweck: Nicht Avianas Rückkehr allein war die Heilung, sondern ihre erneute Arbeit für all jene, die noch eines sicheren Astes bedurften.
Kinder, die eigene Wege wählen
Zu Avianas Nachkommen und Schützlingen gehören sehr verschiedene geflügelte Wesen. Harpyien tragen einen Teil dieses Erbes, werden aber oft nur als räuberische Gegner gesehen. Während der Legionsinvasion gerieten einige unter dämonischen Einfluss, und Aviana half, ihre Kinder vor weiterer Verderbnis zu bewahren. Sie segnete den Erzdruiden, der ihnen beistand.
Ihre Fürsorge bedeutet nicht, dass jedes geflügelte Wesen gehorsam oder gut ist. Ein Himmel wird nicht dadurch frei, dass alle Flügel in dieselbe Richtung schlagen. Aviana bietet Zugehörigkeit, ohne jede Entscheidung ihrer Kinder zu ihrer eigenen zu machen. Selbst den Arakkoa eines anderen Draenor wollte sie einen Platz auf G'Hanir anbieten. Der Mutterbaum sollte nicht nur jenen offenstehen, deren Geschichte bereits in Azeroths alten Liedern vorkam.
Der Himmel über einer verwundeten Welt
Aviana half dem Zirkel des Cenarius und stellte sich später weiteren Angriffen auf Hyjal entgegen. Als Wächterin des Traums und Verbündete der Traumschützer trägt sie heute nicht nur Erinnerung an einen alten Krieg. Jeder neue Brand, jede Verderbnis und jede erzwungene Erhebung geflügelter Seelen bedroht die Ordnung, die G'Hanir verkörpert.
Ihr Vermächtnis ist deshalb kein grenzenloser Himmel ohne Bindung. Vögel können weit ziehen, weil es Äste gibt, auf denen sie ruhen, und Orte, zu denen sie zurückkehren dürfen. Aviana schützt beides: die Freiheit des Fluges und die Verlässlichkeit des Baumes. Nach Tod und Wiederkehr weiß sie, dass selbst G'Hanir fallen kann. Gerade darum baut sie keinen unverwundbaren Himmel. Sie pflegt einen, in dem verlorene Flügel noch immer einen Weg nach Hause finden können.