Der Weg nach Stunde des Zwielichts
Nach der Rückkehr aus den Zeitwegen trug Thrall die Drachenseele durch das verschneite Drachenöde zum Wyrmruhtempel. In diesem Artefakt lag die Hoffnung, Todesschwinge zu bezwingen. Darum war jeder Schritt der kleinen Eskorte zugleich ein Wettlauf gegen den Schattenhammer, dessen letzte Diener wussten, dass nicht der Tempel, sondern schon der Weg dorthin über Azeroths Zukunft entscheiden konnte. In Erzbischof Benedictus nahm ein eigener Teil dieses Angriffs Gestalt an.
Benedictus lernte unter Erzbischof Alonsus Faol, einem der prägenden Geistlichen der Menschheit. Faol half nach dem Ersten Krieg nicht nur beim Wiederaufbau des Glaubens, sondern auch bei der Gründung des Ordens der Silbernen Hand. Benedictus wuchs damit in einer Kirche heran, die das Licht nicht als Schmuck der Mächtigen verstand, sondern als Verpflichtung, Menschen durch Krieg, Verlust und Furcht zu führen.
Eine Stimme in der Kathedrale
Nach Faols Tod wurde Benedictus dessen Nachfolger und zum Erzbischof der Kirche des Heiligen Lichts. In Sturmwind begegneten ihm Gläubige als ruhigem Ratgeber. Er segnete, lehrte und gab einer Stadt, die selbst schon vernichtet und neu aufgebaut worden war, das Bild einer beständigen geistlichen Ordnung. Sein Name stand so lange für Trost, dass kaum jemand auf den Gedanken kam, hinter der vertrauten Stimme nach einer zweiten Wahrheit zu suchen.
Der Dritte Krieg erschütterte Benedictus tiefer, als seine Umgebung erkannte. Arthas Menethil, einst Paladin der Silbernen Hand und Erbe Lordaerons, führte sein eigenes Reich in Tod und Untod. Städte, Tempel und Familien verschwanden unter der Geißel. Benedictus sah darin nicht nur eine menschliche Katastrophe. Für ihn wurde das Schweigen des Lichts zum Beweis, dass all seine Predigten eine Hoffnung verteidigt hatten, die im entscheidenden Augenblick niemanden rettete.
Der geheime Zwielichtvater
Aus Zweifel wurde Abkehr, und aus Abkehr ein neues Gelübde. Benedictus schloss sich heimlich den Mächten des Zwielichts an und stieg zum Zwielichtvater auf. Nach außen blieb er der verehrte Erzbischof; im Verborgenen führte er den Schattenhammer und diente Todesschwinge sowie den dunklen Mächten hinter dessen Krieg. Die Maske war so wirkungsvoll, weil jedes tröstende Wort aus einem Leben stammte, in dem er diesen Trost tatsächlich einmal geglaubt hatte.
Benedictus verlor die Fähigkeit, das Licht zu führen, nicht einfach durch seinen Verrat. Am Wyrmruhtempel begann er den Kampf mit heiliger Macht, rief Wellen des Lichts und blendende Kugeln hervor. Dann zeigte er die andere Seite und ließ dieselben Formen als Zwielicht zurückkehren. Licht und Schatten waren in seinen Händen keine gleichwertigen Wahrheiten. Sie wurden Beweismittel für seine Überzeugung, dass Glaube nur ein Werkzeug sei und der Untergang am Ende jede Hoffnung widerlege.
Der Hinterhalt vor dem Ziel
Thrall hatte den langen Weg mit der Drachenseele beinahe vollendet, als Benedictus sich ihm entgegenstellte. Der Verrat traf deshalb nicht nur strategisch. Vor der Gruppe stand ein Mann, dessen Amt Schutz und Orientierung versprochen hatte. Nun wollte er genau jenes Artefakt vernichten oder rauben, von dem Azeroths Überleben abhing. Die letzte Schranke vor dem Tempel war kein fremdes Ungeheuer, sondern eine vertraute Autorität, die jahrelang unbemerkt gegen alle gearbeitet hatte, die ihr vertrauten.
Benedictus fiel, und die Drachenseele erreichte den Wyrmruhtempel. Mit seinem Tod verlor der Schattenhammer seinen geheimen Vater, während Sturmwinds Kirche erkennen musste, wie lange ihr Oberhaupt eine Lüge gelebt hatte. Seine Geschichte ist nicht die einfache Erzählung eines Mannes, der niemals an das Licht glaubte. Gerade sein früherer Glaube macht den Sturz tragisch. Er hatte Trost gekannt, Verzweiflung erlebt und schließlich entschieden, dass die Wunde der Welt nicht geheilt, sondern zur Rechtfertigung ihrer vollständigen Vernichtung werden müsse.