Der Hof unter der Erde
Tief in Azj-Kahet erhebt sich Palast der Nerub'ar über der Stadt der Fäden. Seine Hallen waren nicht nur Wohnung einer Königin. Dort liefen Handelswege, Adelsinteressen, Brutpflege und die fein gesponnenen Pflichten eines alten nerubischen Reiches zusammen. Unter Königin Neferess war der Palast ein Zentrum vorsichtiger Herrschaft, in dem selbst harte Entscheidungen an das Überleben eines Volkes gebunden blieben.
Die Kaheti hatten den Untergang Azjol-Nerubs vor Augen und wussten, was die Geißel aus einem nerubischen Reich machen konnte. Als Xal'atath Hilfe gegen drohende Gefahren versprach, lehnte Neferess den Preis ab. Ihre Tochter Ansurek deutete diese Vorsicht als Schwäche. Im Palast begann damit ein Streit zwischen Generationen, den die Vorbotin in einen Staatsstreich verwandelte.
Die Tochter auf dem Thron
Ansurek stürzte ihre Mutter, erklärte sie für tot und nahm die Krone. Xal'atath gab ihr das Schwarze Blut, mit dem ausgewählte Neruber zu Aufgestiegenen verwandelt wurden. Flügel, Kraft und neue Körper erschienen als Zukunft eines Reiches, das sich nicht länger verstecken müsse. Wer den Wandel ablehnte, galt bald nicht mehr als besorgt, sondern als Verräter.
Der Palast veränderte sich mit der Herrschaft. Werkstätten wurden zu Laboren, Brutstätten zu Material für Versuche und Hofämter zu Prüfungen der Loyalität. Ansureks Paranoia wuchs, weil ihre Macht auf einem Verrat beruhte, den sie überall wiederzuerkennen glaubte. Je fester sie die Fäden zog, desto mehr Untertanen suchten Wege, sich ihrem Netz zu entziehen.
Ein Reich wird verarbeitet
Broodtwister Ovi'nax nutzte Eier und Schwarzes Blut für neue Kreaturen. Rasha'nan trug die Folgen erzwungener Aufstiege im eigenen Leib. Der Hof nahm selbst eine Nexusprinzessin auf, deren Loyalität nur ihr selbst gehörte. Diese Gestalten waren keine zufälligen Ungeheuer in königlichen Kammern. Sie zeigten, wie Ansureks Versprechen von Entwicklung jeden Teil des Reiches in verwertbares Material verwandelte.
Auch Anub'arash und Skeinspinstress Takazj hielten den Palast mit Gewalt und Intrige zusammen. Der Seidenhof bewahrte den Anschein geordneter Macht, während außerhalb die Durchtrennten Fäden wuchsen. Arak'nai, der General und der Wesir vertrauten einander kaum, doch sie erkannten, dass Ansureks Zukunft keinen Platz für ein Azj-Kahet mit eigenem Willen ließ.
Der Weg zur Königin
Nach der Schlacht um Heilsturz geriet Ansureks Herrschaft ins Wanken. Verbündete der Durchtrennten Fäden schmuggelten Kämpfer in den Palast. Der Angriff führte nicht einfach von Tor zu Thron. Er durchquerte die Folgen der königlichen Politik: ausgehungerte Kriegsbestien, mit Blut gefüllte Tiefen, Zuchtkammern und einen Hof, an dem jede Verbindung zur Waffe geworden war.
Ansurek stand am Ende allein mit der Macht, für die sie ihre Mutter und ihr Volk geopfert hatte. Xal'ataths Gaben retteten sie nicht. Die Königin fiel, während die Vorbotin längst größere Ziele verfolgte. Das Bündnis hatte nie zwei gleichberechtigte Herrscherinnen verbunden. Für Xal'atath war der ganze Palast nur ein Werkzeug gewesen, das seinen Wert verlor, sobald es genug Unruhe und Blut hervorgebracht hatte.
Nach dem leeren Thron
Mit Ansureks Tod verschwand die Frage nach Azj-Kahets Führung nicht. Neferess lebte, aber Gefangenschaft und Schwarzes Blut hatten tiefe Spuren hinterlassen. Die Durchtrennten Fäden waren ein Zweckbündnis aus Gruppen mit eigenen Vorstellungen. Der Palast konnte befreit werden; Vertrauen, Nachfolge und die Schäden erzwungener Aufstiege ließen sich nicht in derselben Nacht ordnen.
Palast der Nerub'ar erzählt deshalb vom Inneren einer Herrschaft, nicht nur von ihrem letzten Gefecht. Jeder Saal verbindet Schönheit mit Kontrolle, jedes Gewebe Schutz mit Gefangenschaft. Ansurek wollte beweisen, dass sie stärker als ihre Mutter sei, und machte den Hof dabei von einer fremden Macht abhängig. Nach ihrem Fall bleibt den Kaheti die schwierigere Aufgabe: aus den Fäden eines missbrauchten Reiches eine Ordnung zu weben, in der Zukunft nicht wieder Unterwerfung bedeutet.