Eine Klinge mit eigener Stimme
Remornia war kein gewöhnliches Schwert, das Graf Denathrius nach Bedarf aus einer Scheide zog. Die Klinge sprach, urteilte und genoss die Gewalt, die sie ausübte. Sie nannte Denathrius ihren Meister und begegnete seinen Feinden mit derselben höfischen Verachtung, die den Herrscher von Revendreth auszeichnete. Ob Denathrius ihr Bewusstsein schuf oder eine andere Seele an die Waffe band, ist nicht vollständig erklärt. Sicher ist, dass sie sich selbst als handelnde Gefährtin verstand.
In Revendreth passte eine solche Waffe zu ihrem Herrn. Das Reich sollte stolze Seelen zur Reue führen, doch unter Denathrius wurde aus Läuterung Ausbeutung. Remornia verkörperte diesen Wandel. Sie schnitt nicht nur Körper. Ihre Sprache machte Demütigung zum Teil des Schlages, und ihre Freude am Schmerz ließ keinen Zweifel daran, dass Buße für sie kein Weg zur Besserung war.
Der Sturz Prinz Renathals
Prinz Renathal war einer der ersten Venthyr und hatte lange an Denathrius' Seite gestanden. Als er erkannte, dass sein Schöpfer Anima an den Kerkermeister lieferte und Revendreth aushungerte, erhob er sich. Der Aufstand scheiterte. Denathrius ließ Renathal vorführen, und Remornia durchbohrte den Prinzen. Anschließend wurde er in den Schlund verbannt, wo er verschwinden sollte.
Remornia erinnerte später mit Stolz an diesen Schlag. Für sie war Renathals Überleben keine Mahnung, sondern eine Kränkung. Als der Prinz zurückkehrte und eine neue Rebellion sammelte, erhielt der Konflikt deshalb eine persönliche Schärfe. Er musste nicht nur seinen Vater und Herrscher stellen, sondern auch die Waffe, die ihn bereits einmal zu Fall gebracht hatte.
Der Kampf im Schloss Nathria
Im Schloss Nathria trat Remornia offen als Kampfgefährtin Denathrius' auf. Sie flog eigenständig durch den Saal, riss Blutbahnen in den Boden und jagte jene, die ihrem Herrn zu nahe kamen. Denathrius behandelte sie nicht wie ein austauschbares Werkzeug. Er sprach mit ihr, gab Befehle und vertraute darauf, dass ihre Grausamkeit die eigene Macht ergänzte.
Als Denathrius besiegt wurde, band Renathal dessen Essenz an Remornia. Die Rollen kehrten sich um: Das Schwert, das seinem Meister gedient hatte, wurde zu seinem Gefängnis. Remornia konnte weiter sprechen, doch sie trug nun den geschwächten Denathrius in sich. Die Klinge wurde in der Obhut der Naaru im Dämmergrat verwahrt, wo Licht beide Gefangenen festhalten sollte.
Ein Gefängnis, das gerettet wird
Denathrius hatte jedoch Verbündete außerhalb Revendreths. Die Nathrezim betrachteten ihn als ihren Meister und planten seine Befreiung. Sie drangen in die bewachte Anlage ein und entkamen mit Remornia. Damit verschwand nicht nur ein mächtiges Artefakt. In der Klinge befand sich einer der wichtigsten Verschwörer der Schattenlande, ein ewiger Herrscher, der lange für Zovaal gearbeitet und Legion wie kosmische Mächte beeinflusst hatte.
Für Remornia war die Rettung zugleich die Fortsetzung ihrer Bindung. Sie wollte nicht von Denathrius befreit werden, sondern mit ihm entkommen. Das unterscheidet sie von vielen verzauberten Waffen, deren Wille unterdrückt wurde. Ihre Loyalität erscheint freiwillig, vielleicht weil ihre eigene Grausamkeit mit seiner vollkommen übereinstimmt.
Waffe, Gefährtin und offenes Versprechen
Remornia verbindet mehrere Rollen, die gewöhnlich getrennt sind. Sie ist eine Klinge, die Wunden schlägt, eine Figur mit eigener Stimme und der Behälter für Denathrius' Essenz. Wer sie besitzt, hält deshalb nicht automatisch die Kontrolle über sie. Das Gefängnis trägt seinen Gefangenen aus eigenem Willen und sucht nach einer Gelegenheit, ihn wieder handeln zu lassen.
Ihr Verbleib hält Denathrius' Geschichte offen. Solange Remornia existiert und die Nathrezim sie schützen, ist sein Fall im Schloss Nathria kein endgültiges Ende. Die Klinge bewahrt den Herrscher, dem sie dient, und damit auch seine Pläne. In einer Welt voller legendärer Schwerter ist Remornia besonders gefährlich, weil sie nicht darauf wartet, geführt zu werden. Sie entscheidet selbst, wem sie die Schneide zuwendet.