Ein Reich zwischen den Reichen
Korthia lag nicht auf den vertrauten Wegen der Schattenlande. Tief im Dazwischen verborgen, bewahrte das alte Reich Dinge, die selbst vor mächtigen Augen verborgen bleiben sollten. Seine Bewohner errichteten keine Stadt, die mit Türmen um Besucher warb. Wege, Archive und steinerne Terrassen dienten einer stilleren Aufgabe: Wissen zu tragen, dessen Bedeutung oft größer war als das Relikt, in dem es ruhte.
Die Hüter Korthias gehörten zu den Bediensteten, die auch Oribos prägten, doch ihr Alltag folgte dem Archiv. Roh-Suir und andere Archivare ordneten Erinnerungen und Gegenstände, während Beschützer die Grenzen bewachten. In ihrer Obhut lagen Spuren der Ersten, uralte Werkzeuge und Geheimnisse verschiedener Reiche. Korthias Sicherheit beruhte nicht auf Unbezwingbarkeit, sondern darauf, dass kaum jemand wusste, wo es zu finden war.
Das Siegel des Primus
Bevor der Primus in die Gewalt Zovaals geriet, verbarg er sein Siegel in Korthia. Es war mehr als das Zeichen eines Herrschers. Zusammen mit den Siegeln der anderen Ewigen konnte es einen Weg nach Zereth Mortis öffnen, jenem verborgenen Ort, an dem die Ordnung der Schattenlande geformt worden war. Der Primus vertraute darauf, dass Korthias Abgeschiedenheit stärker sei als jede offene Festung.
Damit trug das Reich eine Gefahr, die seine Bewohner nicht selbst gewählt hatten. Ein Archiv bewahrt, weil etwas nicht verloren gehen darf; ein Versteck schützt, weil etwas nicht gefunden werden darf. Im Siegel fielen beide Aufgaben zusammen. Je größer sein Wert wurde, desto weniger konnte Korthia nur ein stiller Speicher bleiben. Zovaal brauchte keinen Hass auf seine Hüter. Es genügte, dass ihr Wissen zwischen ihm und seinem Ziel stand.
Mit Ketten in den Schlund
Der Kerkermeister fand das verborgene Reich und warf seine Ketten durch das Dazwischen. Felsen, Wege und Archive wurden aus ihrer Lage gerissen und an den Schlund gezerrt. Die Gewalt dieser Entführung zerriss nicht nur Korthias Landschaft. Sie verwundete das Gefüge der Schattenlande selbst, als hätte jemand ein sorgfältig verborgenes Kapitel aus einem Buch gerissen und in ein Feuer geworfen, ohne es ganz verbrennen zu lassen.
Mawsworn strömten in die Ruinen, suchten Relikte und quälten jene, die ihre Geheimnisse verteidigten. Der Schicksalsschreiber Roh-Kalo wurde zum Werkzeug des Kerkermeisters gemacht. Andere Korthianer hielten zwischen zerbrochenen Archiven aus. Der Schlund versuchte dabei, das geraubte Reich seiner Hoffnung anzupassen: Flucht sollte unmöglich, Erinnerung nutzlos und jedes bewahrte Ding nur noch Beute sein.
Der Vormarsch des Todes
Die Pakte der Schattenlande folgten Korthia in den Schlund und gründeten den Vormarsch des Todes. An ihrer Seite suchten Sterbliche nach dem Siegel und halfen den Archivaren, verstreute Relikte zurückzuholen. Ve'nari betrachtete jedes Geheimnis zugleich als Gefahr und Gelegenheit. So wurde die verwundete Landschaft zu einem Ort widerstreitender Absichten, an dem Rettung, Forschung und Handel oft denselben Gegenstand begehrten.
Roh-Suir ließ geborgene Fragmente katalogisieren. Darin lag ein leiser Widerstand gegen Zovaals Gewalt. Der Kerkermeister wollte Wissen besitzen, um es in Macht zu verwandeln; die Archivare stellten Zusammenhänge wieder her, damit Bedeutung nicht mit dem zerbrochenen Stein verschwand. Jeder zurückgebrachte Splitter sagte, dass Korthia noch eine eigene Erinnerung besaß und nicht bloß ein neuer Bezirk des Schlunds geworden war.
Was der Kerkermeister mitnahm
Die Verteidiger konnten den Verlust des Siegels nicht verhindern. Durch Anduin als beherrschtes Werkzeug gelangte Zovaal an die Macht des Primus und öffnete später den Weg zu seinem größeren Ziel. Korthia war damit keine glanzvolle Siegesgeschichte. Seine Entdeckung kostete genau das Geheimnis, das seine Verborgenheit hatte schützen sollen.
Dennoch ging das Reich nicht in diesem Scheitern auf. Seine Hüter überlebten, Archive wurden geborgen, und nach Zovaals Niederlage blieb Roh-Suir an der Spitze des Kodex. Korthia erzählt deshalb von einer besonderen Art der Verwüstung: Ein Ort kann seiner Sicherheit, seiner Schätze und seiner Aufgabe beraubt werden, ohne dass jede Bedeutung endet. Solange jemand die verstreuten Teile liest und ihren Zusammenhang bewahrt, hat der Eroberer nicht das letzte Wort über das, was er fand.