Wenn ein Fluss antwortet
Für die Jinyu ist Wasser nicht stumm. Strömungen tragen Regen aus fernen Bergen, Erde von alten Ufern und die Spuren jener, die sie durchquert haben. Besonders begabte Jinyu senken ihre Stäbe in Flüsse und Seen und hören aus Bewegung und Geist Nachrichten oder mögliche Zukünfte. Diese Wassersprecher werden früh ausgewählt, lange ausgebildet und schließlich zu geistigen Führern ihrer Gemeinschaften.
Ihre Gabe liefert keine bequeme Karte der Zukunft. Wasser spricht in Bildern, Richtungen und Warnungen, die gedeutet werden müssen. Ein guter Wassersprecher befiehlt dem Fluss daher nicht nur; er hört geduldig genug, um die eigene Hoffnung nicht mit einer Prophezeiung zu verwechseln. Aus dieser Haltung erwuchs der Ruf der Jinyu als weises Volk. Selbst Pandaren suchten ihren Rat, wenn die Welt bereits eine Veränderung spürte, für die an Land noch keine Worte gefunden waren.
Ein Reich vor Lei Shens Donner
In ferner Vergangenheit herrschte ein Jinyureich vom Tal der Ewigen Blüten aus über große Teile Pandarias. Unter Herrschern wie Rassharom waren sie nicht nur Bewohner abgelegener Dörfer, sondern Träger einer politischen Ordnung. Als die Mogu nach Macht griffen, hielten Jinyu ihnen vierzig Tage und Nächte stand. Wassersprecher hoben Feinde in Blasen, schleuderten Ströme über das Schlachtfeld und brachten das Heer der Mogu an den Rand einer Niederlage.
Ein unbekannter Soldat wandte schließlich die langen Fischspeere der Jinyu gegen sie und durchbrach die Schilde der Wassersprecher. Der Augenblick entschied eine ganze Epoche. Später unterwarf Lei Shen die verbliebenen Reiche und versklavte die Jinyu wie andere Völker Pandarias. Als die Pandarenrevolution begann, halfen sie den Rebellen, indem sie in den Gewässern lasen, wo die Mogu zuschlagen würden und wann ein Rückzug Leben retten konnte. Die alte Gabe, die das Reich nicht bewahrt hatte, half nun, ein anderes Imperium zu stürzen.
Die lange Feindschaft mit den Hozen
Zwischen Jinyu und Hozen liegt eine Erinnerung an Vertrauen und Verrat. Jinyuüberlieferungen erzählen, dass ihre Vorfahren den Hozen einst halfen, Nahrung und Schutz zu finden. Im Krieg gegen die Mogu hätten Hozen sie dann verraten, weil sie auf bessere Behandlung unter Lei Shen hofften. Das versprochene Vorrecht kam nicht, doch die Niederlage der Jinyu blieb. Aus einem politischen Verrat wurde über Generationen eine Feindschaft, in der jedes neue Gefecht das älteste bestätigte.
Die Jinyu betrachten viele Hozen als unbeherrscht und schmutzig; Hozen wiederum begegnen der jinyuschen Würde mit Spott und listigen Überfällen. An Wasserwegen besitzen die Jinyu den Vorteil, im dichten Wald oft ihre Gegner. Keine Seite ist dadurch auf einen einzigen Charakterzug festgelegt. Doch Vorurteile schaffen eine bequeme Abkürzung: Man muss den einzelnen Nachbarn nicht kennenlernen, wenn sein Volk bereits als Erklärung für jede Gefahr dient.
Perlflossen zwischen zwei fremden Armeen
Als Allianz und Horde im Jadewald landeten, gerieten die Perlflossen-Jinyu erneut in einen Krieg, den andere an ihre Ufer trugen. Die Horde verbündete sich mit Waldhozen, und Allianzsoldaten suchten bei den Jinyu Unterstützung. Ältester Lusshan entschied nicht allein nach dem Feind seines Feindes. Er befragte die Wassergeister und den Geist Rassharoms, bevor sein Stamm der Allianz die Treue zusagte.
Die Allianz half bei der Verteidigung des Perlflossendorfs, bildete Kämpfer aus und lieferte Waffen. Für die Jinyu eröffnete das Bündnis Schutz und eine Verbindung über Pandaria hinaus; zugleich band es sie an den großen Fraktionskrieg. Ihre Entscheidung war daher kein märchenhaftes Finden natürlicher Freunde. Sie war die Wahl eines bedrängten Dorfes, das zwischen alten Feinden, fremden Soldaten und dem möglichen Ende seiner Linie einen Weg suchte, auf dem noch morgen Stimmen am Wasser zu hören sein würden.
Viele Ufer, keine einzige Stimme
Nicht alle Jinyu gehören zu den Perlflossen oder zur Allianz. Inkgill, Fallsong und andere Stämme tragen eigene Erfahrungen. Manche wurden durch das Sha verdorben, andere verloren ihre Heimat oder kämpften fern der bekannten Dörfer. Wassersprecher Gorai rettete, wen er konnte, und reinigte schließlich das Gewässer statt jedes einzelne Opfer, weil er die Überlebenden nicht führungslos zurücklassen durfte. Später starb er in Orgrimmar, nachdem er Gefangenschaft und Verderbnis überstanden hatte.
Die Jinyu sind deshalb mehr als weise Fischmenschen, die Zukunft aus einem Fluss lesen. Sie kennen Reich, Sklaverei, Verrat und die Last von Prophezeiungen, die eine Katastrophe zeigen, aber nicht verhindern. Ihre Würde liegt nicht in unfehlbarer Voraussicht. Sie liegt darin, nach jeder Niederlage wieder ans Ufer zu treten und zuzuhören. Wasser bewahrt keine Form für immer. Gerade indem es weiterfließt, trägt es Erinnerung an Orte, die längst hinter ihm liegen, bis zu einem Ufer, an dem eine neue Entscheidung möglich wird.