Die Gefährtin des Erdenwächters
Bevor man sie Sinestra nannte, war sie Sintharia, eine schwarze Drachin und die wichtigste Gefährtin Neltharions. Aus ihrer Verbindung gingen Nefarian und Onyxia hervor, zwei Kinder, die später auf sehr verschiedene Weise den Wahnsinn ihres Vaters fortsetzen sollten. Damals trug Neltharion noch den Titel Erdenwächter. Doch als das Flüstern der Alten Götter seinen Geist zerfraß und die Drachenseele seinen Körper verformte, verwandelte sich auch seine Familie in einen Ort der Gewalt.
Todesschwinges gepanzerter Leib war kaum noch der eines lebenden Drachen. Seine weiteren Paarungsversuche töteten fast alle Gefährtinnen. Sintharia überlebte, aber die Narben auf ihrem Körper brannten weiter, als hätte die Berührung ihres ehemaligen Gefährten nie geendet. Ihr Hass auf ihn war echt. Ebenso echt blieb jedoch der Stolz des schwarzen Schwarms, der Wunsch, seine Linie nicht aussterben zu lassen und aus dem eigenen Leiden etwas Mächtigeres hervorzubringen. Sinestra floh vor Todesschwinge, ohne sich von seiner Vorstellung zu befreien, dass Leben geformt, gezüchtet und einem Zweck unterworfen werden dürfe.
Lady Sinestras zweites Leben
Jahrhunderte vor der Öffnung des Dunklen Portals griff Sintharia die Magier des Kirin Tor mit einem Fluch an. Korialstrasz half, ihren Plan zu vereiteln, und die Welt hielt die schwarze Drachin anschließend für tot. Sie überlebte, legte ihren alten Namen ab und trat als Lady Sinestra auf. Hinter dieser neuen Gestalt lag keine Buße. Sie gab ihr lediglich die Freiheit, im Verborgenen an einer Zukunft zu arbeiten, in der weder Todesschwinge noch die anderen Drachenschwärme über sie bestimmen sollten.
Der Tod Nefarians machte die Sterblichkeit ihrer Familie erneut sichtbar. Sinestra antwortete darauf wie eine Forscherin, die jedes Scheitern für eine unvollständige Formel hält. Sie sammelte Dracheneier, Artefakte und das Wissen über Netherdrachen, deren Körper von den Energien der Scherbenwelt verwandelt worden waren. Daraus schuf sie eine neue Brut. Diese Drachen konnten magische Energie verschlingen und trugen die Eigenschaften mehrerer Linien in sich. Sinestra wollte keine Kinder, die frei heranwuchsen. Sie wollte eine verbesserte Dynastie, die alle anderen Schwärme übertreffen und ihrem Willen folgen sollte.
Mutter des Zwielichts
Die ersten Zwielichtdrachen waren instabil, doch ihre Existenz bewies, dass Sinestras grausame Idee funktionieren konnte. Dargonax, eines ihrer mächtigsten Geschöpfe, entzog sich jedoch ihrer Kontrolle und wandte sich gegen seine "Mutter". Sein Untergang riss auch Sinestra in die Zerstörung, und die Welt hielt ihr Werk zunächst für beendet. In Wahrheit hatte Todesschwinge ihre Eifersucht und ihren Ehrgeiz von Anfang an gelenkt: Die Idee, der Name und die verborgene Wahl von Grim Batol waren Teil eines Plans, den sie für ihren eigenen hielt.
Später barg Todesschwinge überlebende Eier aus Sinestras Labor und baute auf ihren Experimenten weiter. Der Schattenhammer setzte ihren gebrochenen Körper mit Leerenmagie wieder zusammen und machte aus ihr eine gehorsame Brutmeisterin. In der Bastion des Zwielichts begegneten Azeroths Streiter daher keiner triumphierenden Matriarchin, sondern einer wiederbelebten Drachin, deren Körper und Wille für denselben Krieg verbraucht wurden, dem sie einst entkommen wollte. Ihr Tod beendete ihr persönliches Werk, aber nicht seine Folgen. Todesschwinge perfektionierte die künstliche Reifung der Zwielichtbrut; spätere Anführer wie Zeryxia und Vexiona bewiesen, dass Eier, Ideen und Flüstern ihre Schöpferin überleben konnten.
Sinestras Geschichte lässt sich deshalb weder auf Opfer noch auf Täterin verkürzen. Todesschwinge tat ihr entsetzliches Unrecht, und dieses Unrecht erklärt ihren Hass. Es heiligt jedoch nicht, was sie anderen Wesen antat. Sie beantwortete die Erfahrung, zum Werkzeug gemacht zu werden, indem sie selbst Leben zu Werkzeugen formte. Darin liegt ihre eigentliche Tragik: Sinestra entkam dem schwarzen Drachenschwarm körperlich, doch die Logik seines gefallenen Patriarchen trug sie in ihre eigene Brut hinein.