Der Hüter des Südens
Ra war ein titanischer Hüter, von Aman'Thul mit großer Macht erfüllt. Nach dem Sieg über das Schwarze Imperium wachte er über die südlichen Anlagen Azeroths und über die Völker, die den Willen der Titanen ausführen sollten. Mogu und andere Geschöpfe kannten ihn als hohen Herrn. Sein Auftrag schien in einer Ordnung verankert, die größer als jedes einzelne Zeitalter war.
Dann erreichte ihn die Nachricht, dass der Pantheon Sargeras zum Opfer gefallen war. Ra bewahrte einen Rest von Aman'Thuls Macht, doch das Vermächtnis tröstete ihn nicht. Wenn selbst die Schöpfer gestürzt waren, erschien ihm ihre Arbeit auf Azeroth ohne Zukunft. Der Hüter zog sich in den Donnernden Berg zurück und verstummte.
Lei Shen findet einen schweigenden Gott
Die Mogu litten unter dem Fluch des Fleisches und zerfielen in Kriege. Der junge Lei Shen drang in den Berg ein, um den vermeintlichen Meister seines Volkes zu wecken. Wochenlang erhielt er keine Antwort. Als er erkannte, dass Ra nicht an einem großen Plan arbeitete, sondern aufgegeben hatte, reagierte er nicht mit derselben Verzweiflung.
Lei Shen überwältigte den Hüter, kettete ihn an und raubte ihm die Macht über Sturm sowie Aman'Thuls hinterlassene Kraft. Er nannte sich Donnerkönig und errichtete sein Reich über Ra-dens verborgener Zelle. Die Tat war Auflehnung und Nachahmung zugleich. Lei Shen verachtete den untätigen Diener der Titanen, schuf aber eine Ordnung, in der sein eigener Wille ebenso wenig Widerspruch duldete wie ein göttlicher Befehl.
Jahrtausende unter dem Thron
Ra-den blieb nach Lei Shens Tod gefangen. Die Mogu folterten ihn und nutzten seinen Körper für Versuche. Über ihm verwaiste der Palast, der Berg versank teilweise im Meer und Pandaria verschwand hinter Nebeln. Für den Hüter änderte sich nur die Länge seiner Haft.
Als Streiter den auferstandenen Lei Shen töteten, fanden sie Ra-den in der verborgenen Zelle. Er hielt Azeroth inzwischen für unrettbar verdorben und griff sie an, um ein Ende herbeizuführen. Nach seiner Niederlage gestand er den Sterblichen das Recht zu, es dennoch zu versuchen. Sie hatten ihm keinen sicheren Sieg bewiesen. Sie hatten nur gezeigt, dass Hoffnung auch ohne Gewissheit handlungsfähig sein kann.
Ein Hüter kehrt zur Welt zurück
Ra-den schloss sich später den anderen Hütern und den Verteidigern Azeroths an. Er half, die Macht der Weltseele zu schützen und stellte sich Bedrohungen entgegen, die aus den alten Gefängnissen zurückkehrten. Das war keine Rückkehr in den Zustand vor seinem Schweigen. Er wusste weiterhin, wie vollständig eine kosmische Ordnung versagen konnte.
Gerade dieses Wissen machte seine Hilfe bedeutsam. Ra-den verteidigte Azeroth nicht mehr nur, weil Aman'Thul es befohlen hatte. Sterbliche hatten ihm gezeigt, dass eine Welt ihren Wert nicht aus der Unbesiegbarkeit ihrer Schöpfer erhält. Verantwortung konnte weiterbestehen, nachdem der ursprüngliche Auftraggeber gefallen war.
Der letzte Fall in Ny'alotha
Beim Angriff N'Zoths auf die Herzkammer kämpfte Ra-den gegen die Diener des Alten Gottes. Er wurde nach Ny'alotha gezogen und dort verdorben. Die Gestalt, die den Verteidigern entgegentrat, trug die Macht der Leere in einem Körper, der schon Folter, Diebstahl und Verzweiflung überstanden hatte.
Ra-den fiel im Kampf gegen diejenigen, denen er einst eine Chance gegeben hatte. Sein Ende ist bitter, weil Hoffnung ihn nicht unverwundbar machte. Doch es widerruft seine Entscheidung nicht. Lei Shen hatte aus seinem Zusammenbruch ein Reich gebaut; N'Zoth machte aus seinem Körper eine Waffe. Dazwischen lag eine Zeit, in der Ra-den selbst wählte, wofür seine Macht stehen sollte. Diese Freiheit war kürzer als seine Gefangenschaft und dennoch der Teil seines Lebens, der keinem Tyrannen gehörte.