Der Hain hinter den Nebeln
Tirna Scithe liegt im Westen Ardenwalds. Feenwesen hüten den üppigen Hain, weil in ihm alte Geheimnisse und schutzbedürftige Seelen ruhen. Seine Sicherheit beruht nicht auf hohen Mauern. Pfade verändern sich im Nebel, Zeichen gleichen einander und nur aufmerksame Besucher erkennen, welcher Weg tatsächlich zum Herzen des Waldes führt.
Diese Verwirrung ist kein Schmuck. Ardenwald bewahrt große Naturseelen, bis Anima und Zeit ihre Wiedergeburt erlauben. Ein Eindringling, der jedes Ziel auf geradem Weg erreichen könnte, würde nicht nur einen Ort plündern, sondern künftiges Leben vernichten. Tirna Scithe schützt Möglichkeiten, die im Augenblick ihrer Ruhe weder fliehen noch für sich selbst sprechen können.
Die Animadürre erreicht auch verborgene Orte
Als Anima in den Schattenlanden knapp wurde, litten Haine, Bewohner und Wildsamen. Die Gorm fraßen sich in verzweifeltem Hunger durch Ardenwald. Tred'ova fand in Tirna Scithe den Kokon der Loa Lakali. Das Tier schmeckte darin nicht nur Nahrung, sondern Wissen und Macht. Aus Überlebenshunger wurde Begierde nach einer Beute, die weit über das nächste Mahl hinausging.
Die Dürre machte Tred'ovas Angriff verständlich, aber nicht unschuldig. Ein Wesen kann aus Not zu fressen beginnen und dennoch zur Gefahr für alles werden, was denselben Mangel erträgt. Je mehr Lakalis Essenz Tred'ova aufnahm, desto klüger und mächtiger wurde sie. Tirna Scithes verborgener Reichtum zog damit nicht nur planende Eroberer an, sondern auch ein Tier, dessen Hunger durch jede Befriedigung größer wurde.
Die Drust suchen einen fremden Kreislauf
Die Drust waren in Thros außerhalb des gewöhnlichen Kreises von Leben und Tod gebunden. Sie drangen in Ardenwald ein, um dessen Macht der Wiedergeburt für ihre Befreiung zu benutzen. Tirna Scithe wurde zu einem ihrer wichtigsten Ziele. Ingra Maloch und seine Anhänger verseuchten den Hain und unterwarfen Droman Oulfarran, einen seiner Beschützer.
Der Angriff war mehr als Landnahme. Die Drust wollten ein Verfahren erobern, das Seelen zu neuem Leben führt, weil ihr eigener Weg abgeschnitten war. Dabei behandelten sie die ruhenden Seelen genauso als Mittel, wie Gorak Tul einst seine Anhänger an Rache gebunden hatte. Eine Flucht aus dem Gefängnis hätte auf der Gefangenschaft anderer beruht. Der Kreislauf, in den sie zurückkehren wollten, wäre durch ihre Ankunft selbst verwundet worden.
Die Prüfung der Nebelruferin
Wer tiefer in Tirna Scithe vordrang, musste an der Nebelruferin vorbei. Ihre Spiele und Zeichen sollten Feinde verirren lassen. Während des Angriffs konnte sie Freund und Gegner jedoch kaum noch sicher unterscheiden. Die Verteidigung des Hains war so wirksam, dass sie auch Helfer aufhielt. Diese Verwirrung zeigt den Preis vollkommen abgeschlossener Sicherheit: In einer Krise muss selbst der rechtmäßige Schutz lernen, einen unerwarteten Verbündeten zu erkennen.
Die Eindringlinge mussten ihre Muster verstehen, statt den Nebel nur mit Gewalt zu durchbrechen. Danach erreichten sie den inneren Hain, in dem Tred'ova weiter an Lakalis Kokon fraß. Der Weg verband Aufmerksamkeit und Kampf. Tirna Scithe ließ sich nicht retten, indem man wie ein weiterer Eroberer jeden Wächter niederschlug. Seine eigene Sprache musste wenigstens so weit verstanden werden, dass der Angriff vom Schutz unterschieden werden konnte.
Ein geretteter Ort im verwundeten Wald
Ingra Maloch fiel, Droman Oulfarran wurde aus seiner Kontrolle befreit, und Tred'ova konnte die Loa nicht vollständig verschlingen. Damit blieb Tirna Scithe bestehen. Der Sieg beendete jedoch weder die Animadürre noch den größeren Einfall der Drust. Ein heiliger Hain ist Teil eines lebenden Waldes. Er kann hinter Nebeln verborgen sein und leidet dennoch, wenn dem ganzen Reich die Kraft ausgeht.
Tirna Scithe erzählt deshalb nicht nur von einem geheimen Ort, den tapfere Besucher von drei Feinden säuberten. Seine Nebel bewahren Leben, können aber keine Verbindung zur Außenwelt ersetzen. Der Hain wurde gerettet, weil Fremde seine Schwelle überschritten und seine Beschützer schließlich Hilfe zuließen. Darin liegt sein stilles Gleichgewicht: Geheimnisse brauchen Schutz vor Besitzgier, doch Schutz darf nicht so vollkommen werden, dass im Augenblick der Not niemand mehr den Weg hinein findet.