Eine verbotene Liebe auf Karazhans Bühne
Barnes kündigte Romulo und Julianne als Geschichte einer verbotenen Liebe an. Das Stück folgte erkennbar dem Vorbild von Romeo und Julia, änderte jedoch Namen und Einzelheiten für Karazhans eigenes Ensemble. Julianne trat zuerst auf, sprach von Liebe, Trennung und dem Tod; Romulo folgte als bewaffneter Geliebter, der jeden angriff, den er für eine Bedrohung hielt.
In einem gewöhnlichen Theater wäre ihr Sterben eine Darstellung geblieben. In Karazhan wurden die Rollen wirklich. Klingen verletzten, Zauber töteten, und die Darsteller erlitten die Tragödie mit jedem neuen Publikum erneut.
Der Tod trennt sie nicht
Julianne fiel zuerst und rief im Sterben nach Romulo. Nachdem auch er bezwungen war, kehrte sie zurück und holte ihn mit ihrer Magie ebenfalls ins Leben. Von da an standen beide zugleich auf der Bühne. Ihre Liebe war damit nicht bloß Inhalt des Stücks, sondern die Regel, die den Ablauf bestimmte.
Nur wenn Romulo und Julianne beinahe gleichzeitig starben, endete die Aufführung. Blieb einer lange genug am Leben, brachte er den anderen vollständig zurück. Die romantische Vorstellung, dass selbst der Tod zwei Liebende nicht trennen könne, wurde in Karazhan zu einem Fluch, der ihnen kein Ende erlaubte.
Zitate aus einer fremden Tragödie
Ihre Worte entstammten in veränderter Form Shakespeares Drama. Julianne sprach vom süßen Schmerz des Abschieds und vom glücklichen Dolch; Romulo beklagte das schwarze Schicksal, das weiteren Kummer nach sich ziehen werde. Die Sprache verlieh dem Kampf eine Feierlichkeit, machte aber zugleich deutlich, wie wenig eigene Stimme den Darstellern geblieben war.
Sie lebten nicht als historische Personen außerhalb des Theaters fort. Was über sie bekannt ist, stammt aus der Rolle, die sie spielen mussten. Später warteten beide hinter der Bühne auf eine neue Vorstellung, noch immer an das Opernhaus gebunden.
Eine Liebe, die zum Mechanismus wird
Romulo und Julianne zeigen, wie Karazhan Gefühle in Abläufe verwandelt. Ihre Zuneigung ist echt genug, um den Tod zu überwinden, doch sie führt nicht in Freiheit. Sie zwingt beide zurück in das Stück. Damit erhält eine bekannte Liebestragödie im Turm eine neue Bedeutung: Nicht der gemeinsame Tod ist ihr größtes Unglück, sondern die endlose Wiederholung davor.