Ehre und StärkeBlackmoore
Der Opernsaal: Wikket
Bosse

Der Opernsaal: Wikket

Auf Karazhans Bühne erzählen Elfyra und Galindre eine Ho-zen-Fassung vom Ursprung des Bösen. Freundschaft, Verführung und der Wunsch zu fliegen werden dabei zu einem gemeinsamen Zauber, der beide Darstellerinnen untrennbar aneinanderbindet.

Der Weg nach Rückkehr nach Karazhan

Karazhan war nie nur ein Turm. In seinen Hallen lagen Medivhs Erinnerungen, die Magie der Wächter und Risse in Raum und Zeit so dicht beieinander, dass eine Bühne zur Wirklichkeit und ein harmloser Manawyrm zur Katastrophe werden konnte. Als die Brennende Legion zurückkehrte, wollte sie dieses verwundete Gedächtnis nicht zerstören, sondern als Tor zu bereits eroberten Welten benutzen. In Der Opernsaal: Wikket nahm ein eigener Teil dieser Geschichte Gestalt an.

Schon im früheren Karazhan hatte Barnes vertraute Märchen auf eine Bühne gestellt, die den Unterschied zwischen Rolle und Wirklichkeit nicht zuverlässig wahrte. Bei der Rückkehr öffnete sich der Vorhang erneut, doch das alte Motiv vom Zauberer, der Wünsche erfüllen sollte, erschien nun aus einer anderen Richtung. Die Inszenierung fragte nicht zuerst nach Heldenmut, sondern danach, wie ein Mensch oder eine Trollin überhaupt zur Bösewichtin werden kann.

Die Frage des Affenkönigs

Der Affenkönig kündigte das Stück aus Sicht der Ho-zen an. In seinen Reimen erzählte er von Gefangenschaft, einer grausamen Hexe und einer Entscheidung, die auch anders hätte ausfallen können. Damit erhielt der Titel Wikket eine doppelte Färbung: Er klang nach Bosheit, blieb aber zugleich ein Wort aus der Sprache der Ho-zen. Das Publikum sollte urteilen und merkte bald, wie wenig sicher die Grenze zwischen fremdem Namen und moralischem Urteil war.

Elfyra trat als grüne Dschungeltrollin auf, die von anderen gemieden worden war. Sie hoffte, der große Zauberer könne ihr Aussehen verändern, und hielt an dem einfachen Wunsch fest, einmal ohne Scham in die Höhe zu steigen. Ihre Magie trotzte der Schwerkraft und hinterließ Wirbel, die Körper emporrissen. Hinter dem gefährlichen Zauber lag die Sehnsucht einer Außenseiterin, die in Galindre offenbar ihre einzige Freundin gefunden hatte.

Galindres glänzende Nähe

Galindre sprach sanft, schmeichelte und versprach Elfyra eine Zukunft, in der der Zauberer alles richten würde. Zugleich behandelte sie Ho-zen wie widerwärtige Diener und erwartete, dass Elfyra für sie handelte. Ihre arkane Pracht füllte den ganzen Saal. Die Freundschaft wirkte deshalb zugleich ehrlich und vergiftet: Elfyra brauchte Galindres Zuneigung, während Galindre bestimmte, welche Wünsche, Kleider und Gefährten überhaupt als erstrebenswert gelten durften.

Der Wikketbund verband beide Darstellerinnen so eng, dass jeder Treffer gegen eine von ihnen auch die andere erreichte. Auf der Bühne wurde damit sichtbar, was ihre Gespräche nur andeuteten. Keine konnte sich aus der Beziehung lösen, ohne die andere zu verletzen. Selbst der Kampf ließ sie nicht zu zwei getrennten Gegnerinnen werden, sondern zu einer gemeinsamen Geschichte aus Bedürftigkeit, Einfluss und einer Hoffnung, die nur noch im Plural existierte.

Schwerkraft gegen wundersame Pracht

Galindres gewaltige Zauber ließen sich nicht mit bloßer Widerstandskraft überstehen. Schutz boten ausgerechnet die Wirbel, die Elfyra zuvor geschaffen hatte. Wer sich von ihnen in die Luft tragen ließ, entkam der alles erfüllenden arkanen Welle. Die gefährlichen Kräfte der beiden Frauen widersprachen sich und ergänzten sich zugleich. Auch die geflügelten Gehilfen, die Elfyra herbeirief, machten ihren Traum vom Fliegen zu einer Bedrohung für alle anderen.

Als Elfyra fiel, nannte sie das Ende schön und tragisch. Das Stück gab keine bequeme Antwort auf seine Ausgangsfrage. Es zeigte eine Außenseiterin, die lieben und fliegen wollte, eine Freundin, deren Zuspruch von Herablassung durchzogen war, und ein Publikum, das beide nur durch Gewalt voneinander befreien konnte. Karazhan bewahrte damit keine historische Chronik, sondern eine Wahrheit des Theaters: Bosheit kann Rolle, Wahl und Folge einer Beziehung zugleich sein.