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Der große böse Wolf
Bosse

Der große böse Wolf

Der große böse Wolf ist eine der Gestalten des Opernhauses von Karazhan. Auf der Bühne wird das Märchen vom Rotkäppchen zur tödlichen Wirklichkeit: Ein Darsteller im Wolfskostüm jagt sein ausgewähltes Opfer, bis Theater, Magie und Gefahr nicht mehr zu trennen sind.

Wenn der Vorhang sich hebt

Karazhans Opernhaus war für die Gäste des Turms gebaut worden. Nach dem Fall des Hauses endeten die Vorstellungen jedoch nicht. Der Bühnenmeister Barnes trat weiterhin vor das Publikum und kündigte eines von mehreren Stücken an, als säßen die alten Zuschauer noch auf ihren Plätzen. Im Märchen vom Rotkäppchen wartete eine scheinbar harmlose Großmutter im Bett, bis der große böse Wolf seine Verkleidung fallen ließ.

Die Gestalt war kein gewöhnlicher Worgen, der zufällig in den Turm geraten war. Spätere Begegnungen hinter der Bühne zeigten, dass ein Darsteller das Kostüm trug und von seiner Rolle längst genug hatte. Karazhan zwang das Theater dennoch immer wieder in denselben Ablauf. Der Wolf musste jagen, die Großmutter musste warten, und neue Besucher wurden ungefragt Teil der Aufführung.

Rotkäppchen wird zur Beute

Während der Vorstellung wählte der Wolf einen Menschen aus und machte ihn zum Rotkäppchen. Für kurze Zeit wurde eine Märchenrolle zu einer körperlichen Wirklichkeit: Das Opfer musste fliehen, während der Wolf es durch den Bühnenraum verfolgte. Die übrigen Anwesenden waren keine Zuschauer mehr, sondern Mitspieler in einem Stück, dessen Regeln Karazhan festlegte.

Gerade diese Verwandlung macht das Opernhaus so beunruhigend. Der Turm erzählte keine Geschichte, die man aus sicherer Entfernung betrachten konnte. Er verteilte Rollen und zwang die Besucher, den Ausgang selbst auszukämpfen.

Ein Darsteller hinter der Maske

Als Karazhan Jahre später erneut betreten wurde, stand der Wolf hinter der Bühne neben der Großmutter. Er beklagte sich darüber, dass er das juckende Kostüm noch immer tragen müsse, obwohl die Aufführung nicht einmal begonnen hatte. Auf Bitten sprach er dennoch seinen berühmten Satz. Dieser kurze Moment verriet, dass hinter der Bestie ein müder Darsteller steckte, der seine Rolle kannte und ihr doch nicht entkam.

Das ändert die frühere Begegnung. Der große böse Wolf war gefährlich, aber er war zugleich Teil eines Ensembles, das der Turm über Jahre festhielt. Karazhans Grausamkeit lag nicht nur darin, dass Märchen töten konnten. Sie lag auch darin, dass niemand den Spielplan verlassen durfte.

Die Oper als Spiegel des Turms

Der Wolf besitzt keine lange politische Biografie. Seine Geschichte gehört dem Opernhaus und seiner verformten Magie. Dort werden erfundene Figuren ebenso wirklich wie Geister, Dämonen oder arkane Wächter. Die Bühne zeigt im Kleinen, was im ganzen Turm geschieht: Erinnerung wird wiederholt, Rollen werden zu Gefängnissen, und selbst Unterhaltung kann den Unterschied zwischen Darstellung und Wahrheit verlieren.