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Chimaerus, der ungeträumte Gott
Bosse

Chimaerus, der ungeträumte Gott

Chimaerus wuchs im Traumriss aus Schmerz, Leere und verschlungenen Manifestationen. Nachdem Aln'hara aus ihrer Wiege geraubt worden war, fraß sich das Wesen durch die zurückbleibenden Albträume, bis die Haranir es als ungeträumten Gott fürchteten.

Der Riss von Aln

Tief unter Harandar lag der Riss von Aln, ein Bereich, in dem Träume nicht nur Gedanken blieben. Hier hatten die Träume Aln'haras Gestalt angenommen und eine Wirklichkeit geschaffen, die eng mit den Haranir verbunden war. Der Ort war nie harmlos, doch seine Gefahren gehörten zu einem bekannten Gleichgewicht.

Dieses Gleichgewicht zerbrach, als Aln'hara aus ihrer Wiege geraubt wurde. Ihre Abwesenheit hinterließ keinen leeren Raum. Schmerz, Wahnsinn und ungeordnete Traumgestalten blieben zurück. Ohne die Macht, die sie zuvor gebunden hatte, begannen diese Manifestationen einander zu jagen und zu verschlingen.

Ein Wesen ernährt sich von Albträumen

Chimaerus wuchs in diesem Kreislauf heran. Er fraß die Leere, die Aln'haras Verlust zurückließ, und verschlang andere Manifestationen. Mit jeder aufgenommenen Gestalt wurde er größer und fremdartiger. Sein Körper vereinte Züge verschiedener Kreaturen, als hätte der Traum selbst keine eindeutige Form mehr für ihn gefunden.

Der Beiname der ungeträumte Gott beschreibt diese Herkunft. Chimaerus war kein Gott, den ein Volk bewusst verehrte oder erträumte. Er entstand dort, wo Träume ihre Ordnung verloren hatten. Seine Macht kam nicht aus einem Schöpfungsakt, sondern aus dem fortgesetzten Verzehr dessen, was nach einer gewaltsamen Trennung übrigblieb.

Warum die Haranir den Riss meiden

Die Haranir kannten die Tiefen ihrer Heimat besser als fremde Heere, doch selbst sie wagten sich nicht weit in den Traumriss. Chimaerus machte den Ort unberechenbar. Was dort erschien, konnte zur Nahrung des Wesens werden oder als neue Manifestation in die Wirklichkeit zurückkehren.

Diese Furcht war keine Unwissenheit. Sie beruhte auf der Erfahrung, dass nicht jede Wunde durch unmittelbares Eingreifen heilte. Ein falscher Schritt konnte Chimaerus weitere Essenz zuführen. Dennoch ließ sich der Riss nicht für immer meiden, sobald seine Manifestationen über die alten Grenzen hinauswuchsen.

Die Jagd durch zwei Wirklichkeiten

Wer Chimaerus stellte, musste zwischen der sichtbaren Realität und jener tieferen Ebene handeln, aus der seine Nahrung kam. Solange die Manifestationen im Riss weiterbestanden, konnte das Wesen sich an ihnen stärken. Der Kampf richtete sich daher zugleich gegen den Körper des Monsters und den Kreislauf, der es ernährte.

Mit Chimaerus fiel der größte Räuber des Traumrisses. Sein Tod stellte Aln'haras alte Ordnung nicht wieder her, denn ihre Entführung und die entstandene Leere blieben Teil Harandars. Er beendete jedoch das ungebremste Verschlingen und gab den Haranir die Möglichkeit, sich den Tiefen ihrer Heimat wieder zu nähern.

Eine Folge von Aln'haras Verlust

Chimaerus handelte nicht aus einem politischen Plan. Seine Geschichte ist wichtig, weil sie die Folgen eines anderen Verbrechens zeigt. Als Aln'hara geraubt wurde, entstand der Schaden nicht nur an ihr. Ein ganzer Raum verlor seine Mitte, und aus dieser Unordnung wuchs ein neues Wesen.

Der Traumriss erinnert damit daran, dass kosmische Eingriffe lange nach dem eigentlichen Ereignis weiterwirken. Wer eine Macht entfernt, hinterlässt nicht zwangsläufig Ruhe. Manchmal bleiben Hunger, Albtraum und eine offene Stelle zurück, in der etwas heranwächst, das zuvor niemals hätte entstehen können.